Handelskammer Hamburg 2010

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Wirtschaftskriminalität

Die unterschätzte Bedrohung

Der Handelskammer-Arbeitskreis Wirtschaftsschutz hat eine Studie zur Belastung der Hamburger Wirtschaft durch Wirtschaftskriminalität und Korruption vorgelegt.
Das Eintreten für ein einwandfreies Verhalten im Wirtschaftsleben und damit auch gegen Korruption ist ein Kernstück hanseatischer Kaufmannstradition, die untrennbar mit dem Begriff und der Organisation des „Ehrbaren Kaufmanns“ verbunden ist. Daher ist es für die Hamburger Wirtschaft eine Selbstverständlichkeit, auf die Bedrohung ihrer Unternehmen durch Wirtschaftskriminalität und Korruption hinzuweisen ­sowie Lösungswege zur Bekämpfung aufzuzeigen.

Straftaten wie Betrug und Untreue bei ­Kapitalanlagen, Kriminalität im Zusammenhang mit Arbeitsverhältnissen, Insolvenzstraftaten und Wettbewerbsdelikte gehören zur Wirtschaftskriminalität. Doch auch ­Verstöße gegen Urheberrecht, Produkt- und Marken­piraterie, Korruption, Computer- und Internetkriminalität, illegale Arbeitnehmer­überlassung und die unerlaubte Aneignung oder Nutzung von Vermögensgegenständen sowie Unterschlagung machen den Unternehmen zu schaffen. Das Dunkelfeld ist groß, und die Sensibilität der Unternehmen für die Bedrohung durch Kriminalität kann noch geschärft werden. In Zusammenarbeit mit der „Hamburger Kooperation gegen Wirtschaftsspionage und Wirtschaftskriminalität“ (Sicherheitskooperation Hamburg) hat der Handelskammer-Arbeitskreis Wirtschaftsschutz deshalb im Sommer 2009 Hamburger Unternehmen zu den Themen Wirtschaftskriminalität und Korruption befragt. Die Studie erfasste dabei sämtliches schädliches Verhalten im Bereich der Wirtschaft: Diebstahl und Korruption ebenso wie etwa Vandalismus gegen Firmenfahrzeuge und Sachbeschädigungen wie Graffiti-Schmierereien an Firmengebäuden. 414 Unternehmen beteiligten sich an der Umfrage, die überraschende Ergebnisse offenbarte.

So war nur jedes zweite Unternehmen in den vergangenen 24 Monaten nicht Opfer von kriminellen Handlungen. Jedes vierte Unternehmen war in diesem Zeitraum sogar mehrfach betroffen. Spitzenreiter im Ranking sind mit 42 Prozent Delikte, die sich gegen das Vermögen richten, etwa Diebstahl und Betrug. An zweiter Stelle stehen Sachbeschädigung und Vandalismus. Zur Höhe der entstandenen Schäden machten zwar nur wenige Unternehmen konkrete Angaben. Trotzdem waren die Schadenssummen immens: Durchschnittlich entstand jedem betroffenen Unternehmen in den vergangenen zwei Jahren ein Schaden von 415 000 Euro. Die angegebenen Gesamtfolgekosten krimineller Angriffe betrugen zusätzlich 162 Millionen Euro und lagen damit deutlich höher als die unmittelbar aufgetretenen Schäden. Rund zehn Prozent aller Befragten berichteten in diesem Zusammenhang auch von verschlechterten Geschäftsbeziehungen als indirekten Folgeschäden der Wirtschaftskriminalität.

Wie haben die Betriebe auf diese Vorfälle reagiert? Die Hälfte der von Wirtschaftskriminalität betroffenen Unternehmen erstatteten Strafanzeige. Damit widerlegten sie die Annahme, dass in der Wirtschaft wegen eines befürchteten Imageverlustes darauf verzichtet würde. Zusätzlich ergriff ein Großteil der Unternehmen interne, arbeitsrechtliche Maßnahmen.

Die Umfrage ergab weiter, dass sich die Mehrheit der Unternehmen wünscht, dass bei der Bekämpfung von Wirtschaftskriminalität und Korruption von privater und öffentlicher Seite gemeinsam vorgegangen wird. Ein richtiger Schritt in diese Richtung ist die im April 2008 zwischen Senat und Wirtschaft vereinbarte „Sicherheitskooperation Hamburg“. Unter ihrem Dach laufen bereits erfolgreiche Projekte wie die „Hamburger Vertrauensstelle gegen Korruption“ und die „Antikorruptionskonferenz“.

Marcus Troeder/Christina Tempke
marcus.troeder@hk24.de
Telefon 36138-263

Internet


Voraussetzung für eine wirksame Bekämpfung von Wirtschaftskriminalität und Korruption sind Transparenz und eine offensive Herangehensweise. Bei gemeinsamen Anstrengungen müssen Politik, Verwaltung und Wirtschaft ihr gemeinsames Interesse und die verabredeten Maßnahmen offen kommunizieren. „Sicherheit“ ist dabei kein Tagesgeschäft – weder in Politik und Verwaltung noch in der Wirtschaft. Alle Maßnahmen sind daher strategisch und langfristig anzulegen. Vor allem präventive Maßnahmen können nicht am „Return on Invest“ gemessen werden.

Die hohe Betroffenheit der Unternehmen von Wirtschaftskriminalität und Korrup­tion zeigt die große Bedeutung des Themas. Darauf müssen Staat wie Unternehmen mit erhöhten Anstrengungen (zum Beispiel bei der Ressourcenausstattung) im präventiven wie auch im repressiven Bereich reagieren. Dies gilt insbesondere bei der zu erwartenden steigenden Bedrohung durch Internet- und Computerkriminalität. Schließlich ist die Bekanntheit öffentlicher wie privater Präventions- und Beratungsstellen verbesserungswürdig.

Hier sind verstärkte Kommunikationsanstrengungen von allen Seiten notwendig, um die Unternehmen noch besser mit Informationen zur Bekämpfung von Wirtschaftskriminalität und Korruption zu versorgen.

Ulrich Brehmer


hamburger wirtschaft, Ausgabe Januar 2010