Handelskammer Hamburg 2008

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Interview: Christoph Lamoller

Zeit für das Wesentliche

Christoph Lamoller ist Experte für die strategische Nutzung von Zeitarbeit. Als Geschäftsführer der Gesellschaft für Organisations- und Managemententwicklung mbH (GOM) berät er Unternehmen.

hamburger wirtschaft: Wie finde ich heraus, ob Zeitarbeit überhaupt zu meinem Unternehmen passt?

Christoph Lamoller: Die Frage ist, ob in Ihrem Unternehmen ein Bedarf an mehr Flexibilität besteht. Ich persönlich kenne kaum ein Unternehmen, das nicht daran interessiert ist, auf Auslastungsschwankungen flexibel reagieren zu können. Insofern ist Leiharbeit immer ein Thema, egal ob in großen oder mittelständischen Unternehmen. Das gilt mittlerweile nicht mehr nur für den gewerblichen Bereich, sondern für kaufmännische Qualifikationen genauso. Ob Sekretärin, Bankkaufmann oder Call-Center-Agents – alle diese Bereiche können Sie heute über Zeitarbeit besetzen.

hw: Reden wir an dieser Stelle nicht immer noch von den größeren Unternehmen?

Lamoller: Gerade für kleine und mittelständische Unternehmen besteht die Chance, über die Zeitarbeit gute Mitarbeiter zu finden. Gute Zeitarbeitsfirmen sind darauf spezialisiert, Fachkräfte zu rekrutieren, und sind entsprechend vernetzt. Von diesem Know-how können insbesondere die Unternehmen profitieren, die nicht über die Kapazitäten oder das Budget verfügen, um sich permanent am Arbeitsmarkt zu präsentieren. Dies ist aber heute notwendig, um das Interesse der guten Bewerber zu wecken. Diese Aufgabe übernehmen die Zeitarbeitsfirmen.

hw: Was bedeutet das konkret?

Lamoller: Das bedeutet, dass sich die Personalabteilung auf die wesentlichen Dinge konzentrieren kann. Der zeitaufwendige Rekrutierungsprozess wird durch Dritte übernommen, und das Unternehmen steigt erst in den Prozess ein, wenn es notwendig wird: bei der Auswahl der Mitarbeiter. Die Personalabteilung schafft damit freie Ressourcen, die für andere wichtige Themen benötigt werden.

hw: Was muss man dabei berücksichtigen?

Lamoller: Man sollte sehr genau darauf achten, dass die Zeitarbeitsfirmen im Sinne des Unternehmens spezialisiert sind. Das müssen übrigens nicht immer die großen Unternehmen sein, gerade kleinere und mittelständische Firmen leisten hier hervorragende Arbeit. Entscheidend ist, dass die Zeitarbeitsfirma über das spezifische Wissen verfügt, das für die Auswahl der potenziellen Mitarbeiter notwendig ist. Dieser Prozess ist nicht immer einfach, aber bei Erfolg begrenzt es den Rekrutierungsaufwand auf ein Minimum, und man hat dennoch die Möglichkeit, sich anhand von Profilen und persönlichen Vorstellungsgesprächen ein eigenes Bild von den Bewerbern zu machen.

hw: Die Frage ist also nicht, ob Zeitarbeit in einem Unternehmen genutzt werden kann, sondern wie Zeitarbeit strategisch am besten umgesetzt wird?

Lamoller: So sehe ich es. Bei immer stärker werdenden Auslastungsschwankungen und den vorhandenen Restriktionen am Arbeitsmarkt überlegt es sich ein Unternehmer heute sehr genau, ob er jemanden sofort fest einstellen möchte oder sich zunächst der Zeitarbeit bedient. Diese Möglichkeit der Flexibilität ist für viele Unternehmen eine Frage der Wettbewerbsfähigkeit und damit des langfristigen Überlebens am Standort Deutschland. Darüber hinaus bietet die Zeitarbeit aber eben auch die Möglichkeit, Mitarbeiter zunächst im Betrieb kennenzulernen und später zu übernehmen. Das ist eine Chance, die schon viele Unternehmen nutzen und die im Übrigen auch Vorteile für den Leiharbeitnehmer hat. Auch er kann sich zunächst einmal ein Bild von seinem künftigen Arbeitgeber machen und entscheiden, ob er dort langfristig bleiben möchte. Denn das ist eine der zentralen Fragen der Zukunft: Wie attraktiv ist mein Unternehmen und wie binde ich die guten Mitarbeiter?

hw: Diese Dienstleistungen kosten dann doch aber auch?

Lamoller: Natürlich. Qualifizierte Leiharbeitnehmer verdienen heute meist über den Tarifen der Zeitarbeitsbranche und nicht selten genauso gut wie die festangestellten Kollegen des Entleihers. Natürlich möchte das Zeitarbeitsunternehmen auch etwas verdienen. Dafür zahlt das Unternehmen aber auch nur für die effektiv geleisteten Stunden, und das relativiert die Kosten wiederum erheblich. Dennoch ist das Entleihen von Fachkräften kein Instrument zur unmittelbaren Kostensenkung. Es dient im Wesentlichen dem Ziel der Flexibilität und der Steigerung der Effizienz.

hw: Wie finde ich bei Bedarf denn den richtigen Dienstleister für mein Unternehmen?

Lamoller: Ich muss mich schon ausführlich mit dem Thema auseinandersetzen und mich über die Zeitarbeitsunternehmen informieren. Neben den formalen Kriterien wie die Lizenz zur Überlassung sollte vor allem das Know-how und der persönliche Eindruck im Vordergrund stehen. Ein Blick in den Stellenmarkt kann dabei helfen herauszufinden, welche Unternehmen welche Qualifikationen suchen. Weitere Fragen können sein: Wie tritt das Unternehmen im Internet auf? Ist es zertifiziert? Werden konkrete Ansprechpartner genannt? Welcher Eindruck entsteht bei einem ersten Kontakt? Dabei lässt sich meist schon erstaunlich viel über den Dienstleistungsgedanken im Unternehmen herausfinden. Das ist natürlich aufwendig – aber es lohnt sich. Und nicht zuletzt ist es auch immer eine zwischenmenschliche Frage.

hw: Worauf sollte ein Unternehmen bei der Auswahl einer Zeitarbeitsfirma noch achten?

Lamoller: Wichtig ist letztendlich immer, dass man merkt, dass der künftige Partner die Philosophie des eigenen Unternehmens verstanden hat und entsprechend aufgestellt ist. Wichtig ist auch, welche Ausbildung der Ansprechpartner in der Zeitarbeitsfirma hat. Wenn Sie Ingenieure suchen, dann hilft es wenig, wenn man mit einem Kaufmann spricht. Dann braucht man jemanden, der etwas von der Sache versteht, der auch begreift, was das Unternehmen genau will. Hamburg bietet in diesem Bereich sehr gut spezialisierte mittelständische Dienstleister im gewerblichen und auch im kaufmännischen Bereich.

hw: Worauf ist zu achten, wenn die Entscheidung für ein Zeitarbeitsunternehmen getroffen wurde?

Lamoller: Ganz wichtig ist, die Zusammenarbeit regelmäßig zu überprüfen. Hierfür sollten Sie eine entsprechende Rahmenvereinbarung schließen und Ziele definieren. Viele Unternehmen ruhen sich jedoch auf dem Status quo aus. Sinnvoll ist daher die Erstellung von Pflichtenheften und die Leistungskontrolle in regelmäßigen Qualitäts-Reviews. Dabei darf man auch die Konsequenzen nicht fürchten, sich mit dem Thema erneut auseinanderzusetzen und wieder Arbeit hineinzustecken.

Christoph Adam
christoph.adam@hk24.de
Telefon 36 13 8 273

hamburger wirtschaft, Ausgabe April 2008