Handelskammer Hamburg 2007

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Abfallwirtschaft

Aus Müll wird Energie

Die Hamburger Buhck Gruppe hat eine Alternative zur klassischen Energiegewinnung entwickelt. Speziell aufbereitete Gewerbeabfälle ersetzen fossile Brennstoffe.

Wie der Inhalt eines Staubsaugerbeutels sehen die grauen Flocken aus, mit denen die Hamburger Buhck Gruppe Energie erzeugt. Tatsächlich – Fluff, wie die Flocken im Fachjargon heißen, ist ein Produkt aus Gewerbeabfall. Fluff ist die Abkürzung für „Flugfähige Fraktionen“.

In vielen Betrieben fallen Abfälle an, die nicht mehr weiter getrennt und als gesonderte Rohstoffe entsorgt werden können. Sie bestehen in der Regel aus einem Gemisch aus Folien, Pappe, Papier, Holz, Metallen und Verpackungen. Während diese Abfälle in der Vergangenheit überwiegend auf Deponien entsorgt oder in Verbrennungsanlagen beseitigt wurden, sind sie heute ein wirtschaftlich interessantes Gut. Darum lohnt es sich, diese gemischten Abfälle wieder in ihre Einzelkomponenten zu zerlegen. Aus diesem Grund hat die Hamburger Buhck Gruppe im Jahr 2006 gemeinsam mit dem mittelständischen Partner Karl Meyer die „Bestsort-Hamburg“, eine in ihrer Konzeption in Norddeutschland einzigartige Gewerbeabfallsortieranlage mit einer Kapazität von bis zu 120000 Tonnen pro Jahr, errichtet. In der Anlage werden aus gemischten Gewerbeabfällen und Sperrmüll hochwertige Rohstoffe gewonnen.

Die moderne Anlage zerlegt die Gewerbeabfälle in ihre Bestandteile wie zum Beispiel Holz, Papier, Pappe, Kunststoffe und Metall. Mit unterschiedlichen Klassifizierverfahren und vollautomatischen Sortierstrecken wird der Müll zunächst aufbereitet. Dabei wird der unsortierte Abfall mit einem Bagger in die Vorzerkleinerungsstufe gefüllt. „Die richtige Mischung bedarf eines hohen Maßes an Erfahrung, um die weiteren Prozesse koordiniert zu fahren“, erklärt Henner Buhck, Geschäftsführer der Bestsort-Anlage. Der Müll wird zunächst auf einem Flachsieb zur Klassifizierung in drei unterschiedliche Größenfraktionen aufgeteilt. Eisen und Metalle werden dabei jeweils separiert. Die Grobfraktion durchläuft eine manuelle Sortierung. Die Mittelfraktion passiert mehrere vollautomatische Lesestationen. Mithilfe innovativer Nahinfrarottechnik werden Holz, Papier und Kunststoffe automatisch erfasst und durch Luftdüsen voneinander getrennt. Mit einer Absaugtechnik werden an diversen Stationen der Anlage Kunststofffolien ausgeschleust. Für Transport und Lagerung verdichtet eine automatische Presse die einzelnen Fraktionen zu genormten Ballen. Die Endprodukte aus den großen und mittleren Fraktionen stellt Bestsort der Industrie als Rohstoff zur Verfügung. Doch was passiert mit dem Rest?

Darüber hat die Buhck Gruppe intensiv nachgedacht. Zusammen mit einem Bremer Entsorgungsunternehmen hat sie im Jahr 2006 die Altera Lägerdorf GmbH & Co. KG gegründet – direkt neben dem Zementwerk der Holcim Deutschland AG im schleswig-holsteinischen Lägerdorf. Zementherstellung ist sehr energieintensiv, und Energie aus fossilen Brennstoffen wird immer teurer. Grund genug, sich Alternativen zu überlegen. „Das Ziel, dem Gedanken des Stoffkreislaufes gerecht zu werden, hat uns angetrieben“, sagt Henner Buhck. Dabei entstand die Idee, aus Abfall Energie zu erzeugen. Doch seine schlichte Verbrennung erschien dem Unternehmen nicht ausreichend. Man wollte einen Ersatzbrennstoff mit einem Heizwert, der dem klassischer Energieträger wie zum Beispiel Steinkohle entspricht. Die Lösung: Fluff.

Doch dessen Produktion ist nicht einfach. Fluff wird in einem mehrstufigen Verfahren hergestellt. Aus dem speziell erzeugten Ersatzbrennstoff-Vorprodukt, das die Bestsort-Anlage verlässt, werden in Lägerdorf zunächst die Chlorträger wie PVC ausgeschleust, denn Chlor wirkt sich im späteren Verbrennungsprozess nachteilig aus. Im Anschluss wird das Material mithilfe schnell rotierender Messer zerkleinert: von 30 Zentimetern auf maximal 30 Millimeter. Dabei wird unter anderem Holz regelrecht aufgefasert, um es flugfähig zu machen, denn die Fasern werden später in den Verbrennungsprozess eingeblasen. Rund 30 bis 40 Prozent der Abfälle, die bei Bestsort in Hamburg angeliefert werden, werden zu Fluff umgewandelt, die Produktion erfolgt immer „just in time“, um Kosten für die Lagerung zu minimieren. Fluff ersetzt durch seinen hervorragenden Heizwert Kohle und Öl und bringt dem Zementwerk Holcim eine deutliche Kohlendioxid-Ersparnis. „Uns ist bewusst, dass zur Herstellung des Ersatzbrennstoff-Vorproduktes sowie von Fluff viel Aufwand betrieben werden muss“, sagt Henner Buhck, „aber in Zeiten steigender Energiepreise wird sich dieser Aufwand künftig immer mehr lohnen.“ Die Produktion von Fluff könnte zukunftsweisend für die Abfallwirtschaft werden.

Adrian Ulrich
adrian.ulrich@hk24.de
Telefon 36 13 8 267

hamburger wirtschaft, Ausgabe September 2008