Handelskammer Hamburg 2008

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Interview: Gilles Martin

„Lebensmittel waren nie so sicher wie heute“

Gilles Martin ist Gründer von Eurofins Scientific. Deren Niederlassung in Hamburg-Harburg ist Europas größtes und modernstes Lebensmittelanalytik-Zentrum. Die hamburger wirtschaft sprach mit ihm über seine Branche, seinen Führungsstil und den Standort an der Elbe.

hamburger wirtschaft: Welche Dienstleistung liefert Eurofins seinen Kunden in Hamburg?

Gilles Martin: In Hamburg-Harburg ist der Sitz unserer Lebensmittelanalytik-Gruppe für Deutschland. Die Gesamtzentrale für Personal, Recht und Finanzen befindet sich ebenfalls hier. Wir haben auch Labore, die im Bereich Umweltanalytik tätig sind, aber die Geschäftsführung sitzt in Köln und die für den Pharma-Bereich ist in München angesiedelt.

hw: Das Harburger Lebensmittelanalytik-Zentrum ist das größte und modernste in Europa. Was zeichnet dieses Zentrum aus?

Martin: Zu allererst das hohe Niveau der Mitarbeiter. Schon seit Jahrzehnten arbeiten hier viele Akademiker, die im Bereich Rückstands-analytik tätig sind. Ursprünglich existierte nur das Handelslabor von Dr. Jörissen am Stenzelring. Als das Labor zu klein wurde, haben wir 2006 am Neuländer Kamp ein neues mit 5000 Quadratmetern gebaut. Mit etwa 150 Mitarbeitern befindet sich hier das Kompetenzzentrum im Bereich Lebensmittelanalytik. Hier können wir Rückstände von Medikamenten und Tierarzneimitteln oder auch Schwermetalle und Dioxine nachweisen. Letzteres ist besonders häufig in Lebensmitteln aufgetaucht, die aus Fisch produziert wurden, da sich im Fett der Fische die Dioxine gut anreichern können. Parallel dazu schloss sich auch das Labor von Dr. Specht an, das sich zwischenzeitlich zum größten Pestizidlabor der Welt entwickelt hat. Noch vor dem Zusammenschluss mit Eurofins hat dieses Labor zur Analyse von Pestiziden die so genannte Multimethode entwickelt, die inzwischen zur Europa-Norm geworden ist.

hw: Worin liegen die besonderen Anforderungen Ihrer Arbeit?

Martin: Das Problem bei Pestizidanalytik ist die Vielzahl der Kontaminaten. Es gibt fast 1000 mögliche Rückstände. Viele davon sind in Europa illegal, sie tauchen aber ab und zu in weniger entwickelten Ländern wieder auf, wo man aufgrund fehlender Erfahrung auf alte Vorräte zurückgreift. Daher ist es notwendig, dass man mit einer Analyse ein sehr breites Spektrum an Rückständen erfassen kann – und das zu einem bezahlbaren Preis. Das zeichnet unser Labor aus.

hw: Wer sind Ihre Auftraggeber?

Martin: Wir arbeiten für Lebensmittelhersteller und fast alle europäischen Handelsketten, um ihre Eigenmarken zu überwachen. Im Umweltsektor sind wir für Unternehmen und Behörden tätig und kontrollieren beispielsweise die Wasserqualität.

hw: Welches Ziel verfolgt Eurofins mit den Hamburger Laboren?

Martin: Sie sollen sich weiter so gut entwickeln wie im vergangenen Jahr. Wir streben auf jeden Fall ein organisches Wachstum über zehn Prozent an. Natürlich wollen wir immer auch neue Analyse-Methoden entwickeln und sicherstellen, dass diese dann in den Laboren anderer Kontinente mit den gleichen Qualitätsstandards angewandt werden. Denn es ist wichtig, die Proben vor Ort zu untersuchen, bevor sie nach Europa exportiert werden.

hw: Acrylamid, BSE, Vogelgrippe… Immer neue Lebensmittelskandale erschüttern die Verbraucher. Haben Sie den Eindruck, dass die Belastungen bei Lebensmitteln zunehmen?

Martin: Ganz im Gegenteil. Ich denke, Lebensmittel waren nie so sicher wie heute. Allerdings hat die Medizin große Fortschritte gemacht, und so weiß man heute durch epidemiologische Studien, dass selbst Spuren bestimmter Chemikalien langfristig eine Gefahr darstellen können. Denn dadurch erhöhen sich die Risiken, an Allergien oder bestimmten Krebsarten zu erkranken oder auch unfruchtbar zu werden. Heute kann man diese Stoffe nachweisen, die man früher in solch geringer Konzentration noch nicht aufspüren konnte.

hw: Vor welchem Schaden konnten Sie Ihre Kunden bewahren?

Martin: Ein Beispiel ist das mit Nitrofen verseuchte Getreide. Als diese Krise vor einigen Jahren auftrat, waren unsere Kunden nicht betroffen, weil wir die Chemikalie mittels unserer Multimethode schnell entdeckt haben.

hw: Sie wurden zweimal in Frankreich zum Unternehmer des Jahres gewählt. Was haben Sie besser gemacht als andere?

Martin: Was uns von vielen anderen Unternehmen unterscheidet, ist die Tatsache, dass wir sehr dezentral operieren. Wir sind kein Konzern im herkömmlichen Sinne, wo viele Entscheidungen zentral getroffen werden, sondern es gibt für jedes Land einen Geschäftsführer, der fast alles selbst entscheiden kann. Diese Freiheit macht uns sehr beweglich und schnell. Die Mitarbeiter sind sehr motiviert, weil sie das Gefühl haben, es sei ihr eigenes Unternehmen. Das fördert natürlich auch den Spaß an der Arbeit. Wenn man etwas mit Leidenschaft tut, dann geht es natürlich besser.

Petra Schreiber
redaktion@hamburger-wirtschaft.de
Telefon 36 13 8 305

Infos und Kontakte

Innerhalb von 20 Jahren entwickelte sich Eurofins Scientific zu einem weltweit f ührenden Unternehmen der Bio-Analytik mit über 7000 Mitarbeitern und mehr als 100 Laboratorien in 29 Ländern. Das Dienstleistungsangebot der Gruppe umfasst über 25000 verlässliche Analyse-Methoden zur Bestimmung der Sicherheit, Identität, Zusammensetzung, Authentizität, Herkunft und Reinheit biologischer Substanzen und Produkte. Für 2008 rechnet das Unternehmen mit einem Umsatz von über 600 Millionen Euro. Harburg ist Sitz der Lebensmittelanalytik-Gruppe für Deutschland. (www.eurofins.de)

hamburger wirtschaft, Ausgabe März 2008