
Sie tragen blaue Kittel, sägen, bohren und feilen an Werkstücken aus Baustahl. Der Raum ist lichtdurchflutet, 18 Werkbänke stehen darin. Die hier so fleißig arbeiten sind 14 und 15 Jahre alt, fünf Mädchen und 13 Jungen. Sie besuchen die achte Klasse der Schule Slomanstieg im Hamburger Stadtteil Veddel. Ein ganzes Jahr lang kommen die Schülerinnen und Schüler jeden Mittwoch in die Lehrwerkstatt der Norddeutschen Affinerie, um den Berufsalltag kennen zu lernen. Praxislerntag heißt diese neue Unterrichtsform.
Seit Beginn des Schuljahres 2004/2005 wird das Projekt Praxislerntag ein wöchentlicher Lerntag im Betrieb von der Bildungsbehörde in Kooperation mit der Handels- und der Handwerkskammer umgesetzt. Jungen und Mädchen aus 30 Hauptschulen von Altonaer Straße bis Zitzewitzstraße sind bisher dabei und besuchen Hamburger Ausbildungsbetriebe wie Darboven, Still, Hamburg Port Authority, Blockhaus, Budnikowski, Karstadt, Edeka, Max Bahr, Bauhaus und das Bauunternehmen August Prien. Die Laufzeit des Projektes beträgt zunächst drei Jahre. In dem Langzeitpraktikum lernen und arbeiten die Schülerinnen und Schüler mindestens ein Jahr lang an einem Tag in der Woche in zwei oder drei Betrieben, erklärt Lydia Möbs vom Landesinstitut für Lehrerbildung und Schulentwicklung. Die jungen Leute suchen sich die Unternehmen zum Teil selber, werden bei Bedarf jedoch von ihren Lehrern und Eltern unterstützt.
Die Hoffnung, über dieses Projekt später auch einen Ausbildungsplatz zu finden, ist bei vielen Jugendlichen groß. Mit Recht, wie Professor Reiner Lehberger, wissenschaftlicher Berater des Projekts Praxislerntag erklärt: Während nur durchschnittlich zehn Prozent der Hauptschüler nach ihrem Abschluss eine Lehrstelle erhalten, sind es bei den Schulen mit enger Kooperation zu Betrieben fast 70 Prozent. Lehberger stützt seine Aussage auf Erfahrungen des von der Zeit-Stiftung initiierten Projektes Lern-Werk, das bereits vor fünf Jahren mit acht Hamburger Schulen begonnen wurde. Hiltrud Kneuer, Leiterin der Ganztagsschule Slomanstieg, geht in Sachen Praxislerntag einen individuellen Weg. Sie hatte bereits vor drei Jahren die Idee, ihren Schülerinnen und Schülern über einen längeren Zeitraum hinweg ein Betriebspraktikum zu ermöglichen: Ich bin auf Günter Kroll, Leiter der Abteilung Aus- und Fortbildung der Norddeutschen Affinerie (NA) und Personalleiter Wolfgang Wietbrok zugegangen und fand dort ein offenes Ohr. Ich erklärte ihnen, dass unsere Hauptschüler möglichst frühzeitig mit der Berufspraxis in Berührung kommen sollten.
Dem ersten Gespräch folgte schließlich das Pilot-Projekt Praxislerntag der jeweils achten Klasse der Schule Slomanstieg, das jetzt seit über einem Jahr erfolgreich läuft. Ein gerade abgeschlossener Partnerschaftsvertrag zwischen der Schule Slomanstieg und der NA soll den Praxislerntag für die Zukunft festschreiben. Im Vertrag verpflichtet sich die Kupferhütte, Lehrwerkstatt plus Personal einmal pro Woche zur Verfügung zu stellen. Angelernt werden die Mädchen und Jungen von Hauptschullehrer Matthias Herpe sowie von den beiden Lehrlingsausbildern Klaus Maselkowski und Horst Volkland.
Bevor Herpe mit den Schülern in die Werkstatt durfte, musste er bei Maselkowski und Volkland einen dreiwöchigen Crashkurs in Sachen Metallverarbeitung absolvieren. Das Pilotprojekt konnte beginnen. Ein Metallprofi konnte aus dem Physiklehrer in so kurzer Zeit natürlich nicht werden. Dafür weiß er bei technischen Problemen die Experten Maselkowski und Volkland an seiner Seite. Beim Praxislerntag müssen die Schülerinnen und Schüler allerdings nicht wie damals Matthias Herpe bereits um 5.45 Uhr vor dem Werkstor der NA stehen. Ihr Praktikum beginnt um zehn vor acht, jeden Mittwoch. Ausgestattet mit Sicherheitsschuhen, Kitteln und Helmen geht es dann in die Lehrwerkstatt. Feierabend ist für die Jugendlichen um 13.00 Uhr.
Im Kollegium der Schule Slomanstieg herrschte anfänglich einige Skepsis: Mittlerweile steht allerdings das gesamte Kollegium hinter dem Projekt, sagt Matthias Herpe. Für die meisten Lehrer sei das bisher praktizierte dreiwöchige Praktikum ohnehin nicht mehr zeitgemäß gewesen, man habe daher sowieso nach Alternativen gesucht. Denn häufig seien die Schüler in den Betrieben nur billige Hilfskräfte gewesen. Das verfehlt natürlich das Ziel eines Betriebspraktikums, so Herpe. Uneingeschränkt positiv habe übrigens vor kurzem das Kollegium der Schule Slomanstieg die Nachricht aufgenommen, dass zwei Schüler, die am ersten Durchgang der Praxislerntage teilgenommen hatten, nach erfolgreichem Hauptschulabschluss auch einen Ausbildungsplatz bei der NA erhielten. Das deckt sich mit den Interessen der Kupferhütte, sagt Ausbilder Klaus Maselkowski: Der Praxislerntag bringt der NA Vorteile. Wir führen die jungen Menschen aus der Schule behutsam an die Berufswelt heran. Vielleicht wecken wir bei manchem einen konkreten Berufswunsch und treffen ihn dann als Auszubildenden in unserer Lehrwerkstatt wieder.
Nach Abschluss der Praxislerntage haben die Mädchen und Jungen nicht nur Teile des Unternehmens kennen gelernt, sondern auch noch selbst eine Lampe aus Stahl gefertigt, die sie dann ihren Eltern stolz präsentieren können. Darüber hinaus erhalten die jungen Leute von der NA noch ein Zeugnis, das dann ihrem Berufswahlpass beigelegt wird. Schulleiterin Hiltrud Kneuer: Wir sammeln im Berufswahlpass alle Testate und Zeugnisse, die unsere Schüler für ihre Praktika, besondere Aktivitäten und Leistungen bekommen haben. Wenn sie sich später um einen Ausbildungsplatz bewerben, können sie mit ihren Zusatzqualifikationen punkten.
Praktikumsbetriebe dringend gesucht
Das Projekt Praxislerntag ist bei den Hamburger Hauptschulen auf großes Interesse gestoßen. Viele engagierte Jungen und Mädchen sind jetzt auf der Suche nach einem Praktikumsbetrieb. Wenn auch Sie sich an diesem zukunftsweisenden Projekt beteiligen und Praktikumsplätze bereitstellen möchten, wenden Sie sich bitte an die Behörde für Bildung und Sport, Tel. 42863-0. Weitere Infos finden Sie unter www.hk24.de, Dokumenten-Nr. 28407.