Handelskammer Hamburg 2005

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Extra-Journal: Bauen & Modernisieren

Baubiologie

Das kranke Büro

Tränende Augen, eine juckende Nase, Müdigkeit schon am frühen Morgen im Büro. Schuld daran kann das "Sick Building Syndrom" sein - die "Gesundheitsstörung in kranken äusern". Mögliche Ursache sind Schimmelpilze, Bakterien, zu wenig Frischluft oder Chemikalien aus der Bausubstanz.

Wenn Gunter Hankammer seine Vakuumpumpe einschaltet, kommen unschöne Details ans Licht. Das unscheinbare Gerät saugt Raumluft an, und was die so mit sich trägt, lagert sich im Inneren des Apparats in einer Petrischale ab. In diesem Fall sind es Sporen von Schimmelpilzen. Im Labor beginnen sie nach kurzer Zeit zu wachsen und werden unter dem Mikroskop als fein verästelte Fäden sichtbar. Feuchtigkeit und Schimmel gehören zu den Hauptgründen für so genannte Behaglichkeitsstörungen in "kranken Häusern". Typische Symptome: Hartnäckiger Husten und Heiserkeit. Oft bleibt das Problem aber lange unentdeckt, da der Schimmel bereits sein Unwesen treiben kann, bevor er an den Wänden sichtbar wird. Wenn der Verdacht besteht, dass ein Gebäude krank machen könnte, schlägt die Stunde von Experten wie Gunter Hankammer: Der Diplom-Ingenieur erstellt Sachverständigengutachten für Mieter und Vermieter sowie Gerichtsgutachten. Neben Schimmel ist oft ein ganzer Cocktail aus verschiedenen chemischen und klimatischen Bedingungen verantwortlich, wenn ein Gebäude seine Nutzer krank macht. "Bestimmte Klebstoffe oder Farben verdünsten ihre krebserregenden Stoffe erst im Laufe der Zeit, zum Beispiel bei Wärme", erklärt Hankammer.

Wer den speziellen Verdacht hat, dass ein Teil seiner Büroausstattung Schadstoffe verströmt, kann auch erst einmal auf einen günstigen "Do it yourself"-Test zurückgreifen. "Denn spätestens wenn die Raumluftmessung teurer ist als der Teppich, der als Schadstoffquelle vermutet wird, ist die Schmerzgrenze erreicht", meint Diplom-Biologe und Ingenieur Roland Braun, der das Produkt im Sortiment hat. Das Prinzip der "Passivmessung": Ein präpariertes Röhrchen wird im Büro angebracht und bleibt dort bis zu 14 Tage. In dieser Zeit bindet das Probematerial flüchtige organische Verbindungen, die von Kunststoffbeschichtungen, Putz oder Reinigungsmitteln ausgehen.

Hat der Arbeitsplatz erst einmal Schaden genommen, ist oft strittig, wer die Sanierung bezahlt. Grundsätzlich gilt, dass der Raum zum Mietzeitpunkt mängelfrei sein muss, der Vermieter trägt dafür die Beweislast. Danach muss der Mieter nachweisen, dass er richtig heizt und lüftet. In Gewerbemietverträgen kann allerdings aufgeführt werden, dass im gemieteten Raum Schadstoffwerte in einer gewissen Konzentration vorliegen. Verbindliche Grenzwerte hat das Bundesumweltamt nur für relativ wenige Schadstoffe festgelegt, zum Beispiel für Formaldehyd. Sie variieren außerdem je nach Art des Arbeitsplatzes.

Für viele flüchtige organische Verbindungen, die von Bauprodukten ausgehen können, existieren dagegen nur Richtwerte. Immerhin: "Schimmelpilze erkennen die meisten Gerichte inzwischen als Gesundheitsgefahr an", ist Gunter Hankammers Erfahrung als Gutachter. Die Miete kann deshalb in der Regel je nach Stärke des Befalls gemindert werden. Schwieriger ist es aber, den Mietvertrag außerhalb der Frist zu kündigen. In diesem Fall muss der Mieter eine erhebliche Gesundheitsgefahr nachweisen. Am besten für alle Beteiligten ist deshalb eine baubiologische Beratung bereits beim Bau oder der Sanierung. Aber ebenso, wie "Gesundheit" mehr ist als nur die Abwesenheit von Krankheit (so die Definition der Weltgesundheitsorganisation WHO), gehört zu einem gesunden Büro mehr als nur der Verzicht auf schadstoffhaltige Materialien. "Möbel, Farben, Wasser und Licht sind für eine gute Arbeitsatmosphäre wichtig," sagt Manfred Ross. Seine Firma "Gesundes Licht" ist Teil des Netzwerks "Qualität und Lebensart", ein Verbund von Firmen im Altonaer Phoenixhof: Ross konzipiert gesunde Beleuchtungssysteme, der Malereibetrieb Sven Dethlefsen sorgt für ökologisch verträgliche Farben, das "Hamburger Baubüro" verkauft Naturbaustoffe, und "Terra Rubra" entwirft Wasser-Skulpturen. Bei Bedarf zieht das Netzwerk auch weitere Experten hinzu, beispielsweise Feng-Shui-Berater. "Möbel, Farben, Wasser und Licht sind für eine gute Arbeitsatmosphäre wichtig. Ich gehe jeden Tag in mein Büro und freue mich", sagt Manfred Ross. "Und ich denke, bei jedem Menschen wirkt sich das Umfeld positiv auf das Arbeitsklima aus."

Carola Hoffmeister
hamburger.wirtschaft@hk24.de
Telefon 36 13 8 302

Infos und Kontakte

Eine Liste von öffentlich bestellten und vereidigten Sachverständigen finden Sie auf www.hk24.de, Dokumenten-Nr. 13021 oder im IHK-Sachverständigenverzeichnis unter http://svv.ihk.de/

Literatur

Gunter Hankammer/ Wolfgang Lorenz: "Schimmelpilze und Bakterien in Gebäuden. Erkennen und Beurteilen von Symptomen und Ursachen". Rudolf Müller Verlag, Köln, 2003, 59 Euro

hamburger wirtschaft, Ausgabe Mai 2005